Was tun wir bloß unseren Kindern an?

Der Artikel in der FAZ „Lasst die Kinder in Ruhe!“ letzte Woche am 5.3.2014 hat nicht nur Gemüter bewegt, sondern mir auch direkt aus der Seele gesprochen und das Thema lässt mich seitdem nicht mehr los. Der Kinderarzt Dr. Michael Hauch sagt hier: „Tobende Jungs sind eine Ressource, nicht krank. Sie brauchen gute Beziehungen und keine Arznei.“ Es geht hier eindeutig um ADHS und einige Kommentare dazu beklagen, dass es nur wieder die alte Leier sei, über die hier berichtet wird.

Was derzeit aber in diesem Bereich los ist und wie sich das all die letzten Jahre entwickelt hat, ist erschreckend. Und damit meine ich nicht nur ADHS, denn dieser Artikel geht noch weiter, sondern auch sämtliche anderen Therapieformen, die wir unseren vermeintlich „kranken“ Kindern alles so angedeihen lassen: „Inzwischen bekommt in Deutschland je nach statistischer Quelle jedes vierte oder sogar dritte Kind unter 15 Jahren Physiotherapie, Ergotherapie oder Sprachtherapie verordnet.“ Laut einer Untersuchung der Techniker Krankenkasse erhielten 2006 ca. 20.000 Kinder Arzneimittel zur Behandlung von ADHS, 2010 waren es bereits 29.000, was einer Zunahme um 32 Prozent in diesem kurzen Zeitraum entspricht.

Ende der 90er Jahre bekam ich diese Entwicklung hautnah mit. Damals arbeitete ich im Jugendamt und war unter anderem für den § 35a SGB VIII zuständig. Hier geht es um seelisch behinderte Kinder. Es ist unvorstellbar, wie viele Eltern im Rahmen dieses Paragrafen ihr Kind von einem Kinderpsychiater (es gab extra ein entsprechendes Zentrum dafür) als seelisch behindert einstufen ließen, damit das Jugendamt die Kosten für eine entsprechende Therapie übernimmt. Meine Aufgabe war es, diese „Fälle“ zu überprüfen. Die Mehrzahl erhielt bereits vom Kinderarzt verschriebenes Ritalin und bei wirklich nur etwa einem Prozent all dieser Fälle kam der o. g. Paragraf in Betracht.

Und diese Situation hat sich m. E. bis heute nicht geändert, sondern drastisch verschärft. Und das ist nicht nur bei ADHS der Fall, nein, es geht eben auch um alle anderen Therapien, die heutzutage wild verschrieben werden. Ich stelle mir bei all dem immer nur die Frage: Wie konnte aus uns eigentlich ohne all das was werden? Wie haben unsere Eltern uns ohne all diese Hilfe erzogen und großbekommen? Und warum sind wir nicht auch alle seelisch behindert, gestört oder haben Konzentrationsstörungen?

Die Ergotherapie- und Logotherapiepraxen sind komplett voll und auf Wochen ausgebucht. Die Therapie boomt. Ein Familienleben mit Kindern ohne Therapie ist heute eher die Ausnahme. Ganz schlimm finde ich aber, dass dieser Trend ausgenutzt wird und in die völlig falsche Richtung läuft. Da wird einem Zwilling Ergotherapie wegen einer schlechten Stifthaltung von der Kindertagesstätte empfohlen (also wird hier schon eine „Diagnose“ gestellt). Die Mutter, logischerweise verunsichert, weil sie denkt, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmt, geht mit dem Kind zum Kinderarzt. Dieser sagt, dass sein Budget voll sei und er keine Ergotherapie verschreibe. Die Mutter geht zum nächsten Kinderarzt und dessen Budget scheint noch nicht voll zu sein, denn er verschreibt glatt auch dem anderen Zwilling (ohne dass hier überhaupt ein Bedarf besteht!) ebenfalls Ergotherapie. Die Mutter ist froh, sie muss sich um nichts mehr kümmern, ihr therapiebedürftiges Kind wird therapiert.

Es ist völlig unbestritten, dass tatsächliche Entwicklungsdefizite und verhaltenstechnische Auffälligkeiten zu weitreichenden Problemen in der Schule, in der Familie und für die Zukunft führen und für die Gesellschaft hohe Kosten verursachen können. Und es ist ebenso unbestritten, dass diese Defizite und Auffälligkeiten im Laufe der Jahre zugenommen haben. Doch längst sind nicht alle Kinder, die in irgendeiner Form therapiert werden, therapiewürdig. Und es stellt sich hier die dringende Frage: Was ist die Ursache für diese Entwicklung?

Eindeutig ist das auf die heutige Situation zurückzuführen, die sich ebenfalls im Laufe der Jahre rasant geändert hat. Dem modernen Kind von heute fehlt es schlicht an Anregungen in der Familie. Zu viel Fernsehkonsum, zu wenig Bewegung und gleichzeitige Mehrbelastung der Elternteile durch beidseitige Arbeit und weniger Zeit für die Kinder, Fremdbetreuung in Einrichtungen und dadurch weniger Zeit für und Einfluss auf die Entwicklung des eigenen Kindes sind nur wenige Beispiele. Gleichzeitig wird aber von den Eltern der Anspruch an das Kind gestellt, dass es am besten schon von Natur aus so schlau und perfekt sein muss, dass es den Weg automatisch übers Gymnasium gehen kann.

Es findet eine Typisierung und Standardisierung der Kinder statt, wer abweicht, wird therapiert. Völlig außer Acht bleibt dabei die individuelle Entwicklung eines jeden Kindes. Und die beste Therapie: ein geregelter Alltag ohne einen übermäßigen Fernsehkonsum. Es geht nicht darum nichts zu tun. Doch durch diese Übertherapie aller eigentlich gar nicht unbedingt therapiewürdigen Fälle, bleiben die eigentlichen betroffenen Kinder auf der Strecke. Diejenigen, die eine Therapie wirklich nötig hätten, warten ewig auf einen Termin, denn die Wartezimmer sitzen ja auch voll von all den Kindern, die in die Schablone gepresst werden und eigentlich nicht „krank“ sind.

Ich habe da dieselbe Meinung wie Dr. Hauch in dem Artikel: Es muss ein Umdenken stattfinden. Dabei muss bei Auffälligkeiten nicht sofort mit der passenden Therapie eingeschritten werden, sondern die Kinder sind von Beginn an in der Kindertageseinrichtung und in der Schule, aber auch selbstverständlich zu Hause bei ihrer Entwicklung individuell angemessen zu begleiten, es gilt, ihre Stärken auszubauen, Hindernisse abzubauen und „Ressourcen zu wecken, um ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen“ (Dr. M. Hauch).

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