Digitale Demenz

Heute ist es mir wieder passiert. Ich fahre mit dem Auto los mit einem bestimmten Ziel, an dem ich schon mal war. Ich mache mir keine Gedanken über Straßennamen und wo das genau liegt, ich war ja schon mal da. Unterwegs merke ich, dass mir das, anders als noch vor zehn Jahren, alles nichts nützt: ich habe keine blasse Ahnung mehr, wie ich dahin komme. Das Navi muss also her. Und da fängt genau mein Problem an: Ich bin dement. Ich leide an digitaler Demenz. Ich bin abhängig von einem kleinen Gerät, das Navi, das mir die Arbeit abnimmt, die ich früher selbst erledigt habe.

Ich war praktisch ein wandelnder Stadtplan mit einem optimalen Orientierungsvermögen. In einer Zeit, in ich noch nicht Navigationsgeräte jeglicher Art eingesetzt habe, fuhr ich mit dem Auto durch ganz Deutschland, durch München und Berlin und das ganz ohne Hilfe. Ich brauchte mir nur zuvor meine Position, das Ziel und den Weg dorthin auf einer Karte anschauen und schon übernahm mein Gehirn die Arbeit. Heute fahre ich nach Heidelberg, wo ich schon so oft war, und komme trotz vorheriger Stadtplananalyse ohne Navi nicht mehr zum gewünschten Ziel. Oder ich konnte mir Zahlen jeglicher Form merken. Konto-, Telefonnummern, Postleitzahlen – alles kein Problem. Immer gab es irgendeine Möglichkeit, die Zahlenkombination dauerhaft in meinem Gehirn abzuspeichern. Nach drei Schwangerschaften und drei Stillzeiten war das auch weg. Ich benötigte vier Jahre, um mir meine Kontonummer einzuprägen, Telefonnummern kann ich mir gar nicht mehr merken. Zunächst schob ich das auf die so genannte „Schwangerschaftsdemenz“ und nach dreimal schwanger, ist es dann ja normal, dass man sich so was nicht mehr merken kann.

Mittlerweile bin ich schlauer. In dem Buch „Digitale Demenz“ vom Neurowissenschaftler Manfred Spitzer wird dieses Phänomen – zwar unter einem anderen Aspekt – umfassend erklärt. Was ist da los? Warum finde ich ohne Navi mein Ziel nicht mehr und warum kann ich mir keine Zahlen mehr merken, wo ich doch augenscheinlich früher dazu in der Lage war?

Mit dem Gehirn verhält es sich wie mit einem Muskel. Wird er nicht mehr beansprucht, baut er ab. Wer z. B. ein Navigationsgerät im Auto einsetzt, der navigiert nicht mehr selbst, sondern er lässt navigieren. Und somit nimmt die Fähigkeit, sich selbst zu orientieren ab. Das lässt sich alles über den Hippocampus erklären, ein bestimmter Teil des menschlichen Gehirns. Er ist nämlich mit den eigenen Zellen, den Ortszellen, für die Orientierung verantwortlich. Werden diese Zellen nun mit Input gefüttert, nimmt dieser Teil des Gehirns zu, „der Ortsspeicher beginnt zu wachsen“, so Spitzer. Wenn man also das Gehirn mit Gelerntem wie beispielsweise Orten, Zahlen oder Fakten „füttert“, dann wächst es. Und wird es nun nicht mehr gebraucht, verkümmert es, ganz genau wie ein Muskel. Die im Gehirn verarbeiteten Informationen werden über Nervenfasern bis zu den Synapsen geleitet und davon gibt es unzählig viele. Und diese Synapsen ändern sich je nach Nutzung. Sie nehmen zu und werden bei Beanspruchung dicker und verkümmern folglich bei fehlender Nutzung. Bei den von mir erlebten Situationen kommt es somit zu einer örtlichen Desorientierung. Und nicht zu wissen, wo man ist, ist ein klassisches Merkmal für eine Demenz. Die Demenz bedeutet wörtlich in etwa „geistiger Abstieg“, die geistige Leistungsfähigkeit nimmt aufgrund der absterbenden Nervenzellen ab. Wird das Gehirn folglich für bestimmte Bereiche nicht mehr benötigt, da Navigationsgeräte, digitale Kalender und Adressbücher sämtliche Arbeit abnehmen, beginnt laut Spitzer die digitale Demenz. Die „zeichnet sich im Wesentlichen durch die zunehmende Unfähigkeit aus, die geistigen Leistungen in vollem Umfang zu nutzen und zu kontrollieren, d. h. zu denken, zu wollen, zu handeln – im Wissen, was gerade passiert und letztendlich sogar wer man ist“ (aus Digitale Demenz von Manfred Spitzer, S. 275).

Zu diesem umfangreichen Bereich gehört jetzt aber nicht nur das abnehmende und schließlich fehlende Orientierungsvermögen. Nein, die digitalen Medien führen insgesamt dazu, dass wir das Gehirn weniger nutzen und somit bestimmte Bereiche ähnlich wie ein Muskel langsam abgebaut werden. Beispiele sind hier Google (einfaches Suchen im Internet über eine Suchmaschine statt Nachschlagen im Lexikon und umfangreiche Auseinandersetzung mit Begriffen und Begrifflichkeiten), soziale Netzwerke wie Facebook (anonymer Austausch statt aktive persönliche Auseinandersetzung mit dem Gegenüber) und der Einzug digitaler Medien in den Schulen. Da dies nun aber zu weit führt, werde ich zu diesem Thema noch gesondert schreiben.

Was nun aber tun? Digitale Medien sind aus unserer Welt nicht mehr wegzudenken, sie werden natürlich auch alltäglich in meinem Beruf eingesetzt. Es geht somit nicht darum, dagegen anzukämpfen oder sie gar abzuschaffen. Sie haben jedoch ein überaus hohes Suchtpotenzial und schädigen durch die Zerstörung von Nervenzellen und die fehlenden Überlebensmöglichkeiten der nachwachsenden Zellen langfristig unser Gehirn. Nicht nur meines, sondern hier sind wir alle betroffen. Und bei genauerem Nachdenken kann sicher jeder ähnliche Phänomene wie die, die ich oben beschrieben habe, auch bei sich selbst beobachten. Aufklärung ist eine Möglichkeit, diesem zunehmenden Problem zu begegnen, und sie wird beispielsweise auch im Suchtbereich allgemein eingesetzt. Ich für meinen Teil werde wieder mit dem Gehirn-Training beginnen  und in Zukunft dann – wie früher auch – den Stadtplan studieren und ohne Navi losfahren und so meine noch nicht abgestorbenen Ortszellen wieder aktivieren und ihnen eine Überlebensbasis verschaffen.  Training für mein Gehirn, ich hoffe, es hilft und ist noch nicht zu spät.

Ein Gedanke zu „Digitale Demenz

  1. Moin, Daniela,

    das mit dem Navi beklagen viele. Ich sehe das etwas anders: 

    Ich muss heute so viel mehr im Kopf haben als noch vor 20 Jahren. Deadlines zum Beispiel, Kundennamen, Einkaufslisten, Autoinspektionen, TÜV und andere wichtige Termine,und nicht zu verachten alles, was mit den Kindern zu tun hat: Verabredungen, zu denen ich sie fahren muss, Geburtstagseinladungen, die Namen der Freunde und Eltern der Freunde der Kinder, Vorsorgeuntersuchungen, Termine für Proben und Aufführungen der Musikschule und Theatergruppe, Geburtstagswünsche, Hausaufgaben, Klausuren … Ich muss heutzutage so viel im Kopf haben, dass ich heilfroh bin, dass es Sachen gibt, die ich nicht mehr im Kopf haben muss, weil es dafür die Technik gibt, z. B. in Form des Navigationsgeräts oder des Smartphones.

    Ich halte mich da frei an Sherlock Holmes, der Informationen, die er jederzeit bekommen kann (beispielsweise, dass die Erde eine Kugel ist und sich um die Sonne dreht), einfach nicht im Gehirn abspeicherte, um Kapazitäten für wichtigere Informationen zu haben.

    Ich bin nicht dement. Ich nutze meine Kapazitäten nur effektiv J

    Gruß

    Miriam

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