Entwicklung des Kindes – eine individuelle Sache

Als Mutter von drei Kindern, die nun nach und nach den Kindergarten verlassen, habe ich viele Beobachtungen zum Thema Kinderentwicklung machen können.

Heutzutage konzentriert sich eigentlich alles darauf, ein Kind möglichst schnell und früh in einer Betreuungseinrichtung unterzubringen, wo dann in den meisten Fällen die wichtigsten Entwicklungsschritte eines Kleinkindes stattfinden. Und da dann auch viele Kinder verschiedener Alters- und Entwicklungsstufen aufeinandertreffen, ist es für die betreuenden Fachkräfte eigentlich nicht möglich, den einzelnen Bedürfnissen gerecht zu werden. Und hier treten heutzutage nun die ersten Probleme auf, da die Kinder eigentlich nicht mehr pädagogisch betreut, sondern in vielen Fällen von pädagogischen Fachkräften medizinisch diagnostiziert werden und ein Therapiebedarf erkannt wird, wo eigentlich keiner ist. Da hat ein dreijähriger, motorisch starker, doch sprachlich noch nicht so weit entwickelter Junge plötzlich sprachliche Defizite und soll möglichst frühzeitig dem Logopäden vorgestellt werden. Oder ein anderes dreijähriges Mädchen ist im Vergleich dazu sprachlich schon sehr versiert (gut, Tempus usw. passen noch nicht), doch die Fein- und Grobmotorik lassen zu wünschen übrig. Hier gibt es dann ja aber den Ergotherapeuten. Dass hier jedes Kind je nach Alter und Geschlecht einen ganz individuellen Entwicklungsrhythmus hat, wird außen vor gelassen. So „wächst“ sich eine schwammige Sprache bis in das fünfte Lebensjahr hinein noch aus und auch die Motorik holt durchaus noch nach. Der oder die eine benötigt für die eine oder andere Fertigkeit schlicht und ergreifend mehr Zeit als das andere Kind.

Die Sprachentwicklung geschieht beispielsweise über einen länger angelegten Zeitrahmen. Es spielen äußere und innere Faktoren eine Rolle wie beispielsweise das soziale Umfeld und der Input für das Kind sowie die genetischen Voraussetzungen und die Motivation und Anregung des Kindes.

Es gibt natürlich ein grobes Raster für die Entwicklung der Sprache und so geht man davon aus, dass ein Kind im Alter von 2 Jahren mindestens 50 verschiedene Wörter benutzen sollte. Andernfalls gilt das Kind als „late talker“ und eine weitere Diagnostik im Hinblick auf Entwicklungsstörungen oder selbst Hörproblemen wird angeraten. Das läuft in der Regel aber im Rahmen des engmaschigen Netzes der Vorsorgeuntersuchungen, bei denen all diese Aspekte in regelmäßigen Intervallen abgefragt und medizinisch eingeschätzt werden. Etwa die Hälfte der Kinder sind jedoch sogenannte „sprachliche Spätentwickler“ (engl. „late bloomer“) und haben bis zum 3. Geburtstag den Anschluss geschafft (hierzu ist auch der folgende Link zu empfehlen: http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/article/665257/keine-sorge-wenn-kind-spaet-sprechen-beginnt.html?sh=2&h=1388895562. Natürlich gibt es nach wie vor Sprachstörungen wie Stottern oder Lispeln. Und es gibt durchaus bessere Therapieangebote als es noch vor 30 Jahren der Fall war. Doch alles bitte bedarfsgerecht und zu seiner Zeit. Ein Lispeln bildet sich durchaus auch noch bis ins sechste Lebensjahr hinein von ganz alleine zurück.

Dazu kommt die im Rahmen von Studien wie PISA geschürte Angst, dass unsere Kinder heute alle viel schlechter sind, als es früher der Fall war. Es stimmt, heute „konsumiert“ ein dreijähriges Kind mehr Medien als es vor 20 Jahren der Fall war. Aber anstatt hier das „Maß“ und den richtigen Umgang zu diskutieren, wird hier gerne allein die Ursache für schlechte PISA-Ergebnisse gesehen.

Das und leider auch die übertriebene „Therapiewut“ in den Betreuungseinrichtungen und allgemein zur Kompensierung späterer schlechter Studienergebnisse führt jedoch dazu, dass mehr therapiert als pädagogisch betreut wird, das Kind bekommt in seiner individuellen Entwicklung nicht mehr genügend Freiraum. Sämtliche auch nur geringe Defizite, die oftmals im ganz normalen Rahmen der Entwicklung liegen, müssen schnellstmöglich „wegtherapiert“ werden. Dass man damit dem betroffenen Kind oft mehr schadet als nützt, scheint eigentlich eine logische Konsequenz zu sein.

Es ist unheimlich schade, dass bei all diesem Streben das Kind selbst und dessen individuelle Entwicklung leider oft auf der Strecke bleiben. Eine normale und immer gleich verlaufende Entwicklung gibt es nicht, liegt ein Kind nicht innerhalb der „Norm“, wird therapiert. An dieser Stelle würde ich mir mehr Mut zur Individualität bei den Einrichtungen und bei den Eltern wünschen.

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